Abschalten gegen Bezahlung: Wie The Offline Club Einsamkeit zum Geschäftsmodell macht
- astridzett
- Mar 25
- 4 min read
Der Raum ist in schummriges, goldgelbes Licht getaucht. An fünf Tischen verteilt zähle ich 14 Personen, jung, alt, Mann, Frau. Keiner redet, keiner sieht sich an. Blättert jemand eine Seite seines Buches um oder stellt eine Tasse auf den Porzellanuntersetzer ab, klirrt es beinahe in den Ohren. Für einen Moment wirkt es, als säßen die Anwesenden hier widerwillig ihre Zeit ab. Tatsächlich sind alle Personen aus freien Stücken da. Sie haben sogar dafür bezahlt, denn das, was wie Nachsitzen aussieht, ist eine Veranstaltung. Genauer gesagt ein Offline-Event. Ein Zusammenkommen, bei dem alle freiwillig für eine begrenzte Zeit offline gehen und sich sinnvollen, analogen Tätigkeiten zuwenden: malen, lesen, nachdenken, einfach sein.
Organisiert wird diese Veranstaltung von The Offline Club, einem 2021 gegründeten niederländischen Unternehmen. Von Amsterdam ausgehend hat sich The Offline Club in den letzten fünf Jahren ausgebreitet und bietet heute Events an 20 verschiedenen Standorten an. Ziel ist es, eine bildschirmfreie Zeit anzubieten, damit sich Menschen wieder mit sich selbst und mit anderen verbinden können. Display-Junkies können an Offline-Lesepartys, Spaziergängen und U-Bahnfahrten teilnehmen, wo sie ihr Handy entweder gar nicht mitbringen oder bei den Organisatoren der Veranstaltung abgeben. Das Ganze für knapp zehn Euro. Wer länger abschalten will, kann für 300–500 Euro ein 3-Tage-Offline-Retreat buchen. Stellt sich die Frage: wozu? Das Handy weglegen könnte man auch zu Hause. Und das gratis.

Sicher, das könnte man. Doch einerseits ist alles, wofür wir bezahlen, verbindlicher und in unseren Augen mehr „wert“. Andererseits fehlt im gewohnten Umfeld oft die Disziplin, das Handy konsequent beiseitezulegen. Im Alltag ist es zum Reflex geworden, alle paar Minuten auf das Handy zu schauen. Beim Fernsehen, im Homeoffice, beim Essen, beim Treffen im Kaffeehaus mit der Freundin und beim Spazierengehen mit Kindern. Wer kennt’s? In einer Hand ist stets das Telefon, piepst, läutet und fordert unsere Aufmerksamkeit. Handy-los fühlt man sich nackt und hilflos, während rundherum alle ständig in ein Gerät starren.
Offline gegen die innere Leere
Da ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Menschen abhängig fühlen und kaum mehr abschalten können, weder ihr Smartphone noch das drängende Bedürfnis danach. Sich länger ohne Ablenkung auf eine Sache zu konzentrieren oder Langeweile auszuhalten, fällt vielen zunehmend schwer. Unangenehme Gefühle wie Überforderung, Einsamkeit oder ganz banale Warteschlangen können durch einen schnellen Dopamin-Kick durch Social Media stummgeschaltet werden.
Ich bin da keine Ausnahme. Während ich den letzten Satz in meinem Buch das dritte Mal lese, trommle ich auf die Tischplatte, um die Anspannung in meinem Körper rauszuschütteln. Ich sollte meiner Freundin Jennifer antworten und wollte noch meine Einkaufsliste schreiben. Reflexartig fasse ich nach dem Handy, um es sofort zu erledigen. Natürlich greife ich ins Leere, mein Telefon liegt im Handy-Hotel der Veranstalter, um mich nicht in Versuchung zu führen. Ich lasse meinen Blick über die anderen Teilnehmer schweifen. Was sie sich wohl von der Veranstaltung erwarten? Sind sie aus Neugierde hier, wie ich? Suchen sie eine Auszeit? Oder neue Freunde in einer fremden Stadt?
Soziale Netzwerke und Chat-Dienste bringen uns tagein, tagaus in Verbindung mit anderen. Unsere Welt war noch nie so vernetzt. Trotzdem klagen Menschen rund um den Globus über Einsamkeit und fehlenden Anschluss. Laut einem Bericht der WHO vom Juni 2025 fühlen sich 16 Prozent der Personen weltweit isoliert. Auffällig sind vor allem die Zahlen unter Jugendlichen. In dieser Altersgruppe geben 21 Prozent an, unter dem Alleinsein zu leiden. Einsame Menschen sehnen sich nach mehr Verbindung und Räumen, um neue Bekanntschaften zu knüpfen. The Offline Club hat dieses Bedürfnis erkannt und schöpft nun daraus Profit. „We live in a time in which loneliness, deteriorating mental health, and digital overload are some of the most pressing challenges“, heißt es auf der Website. Daraus folgt das Credo: “We believe the world needs a bit more humanity. More togetherness. More fun. More relaxation.”
Gemeinsam allein – und dafür zehn Euro
Erreichen will The Offline Club dieses Ziel, indem es Räume schafft, in denen sich Menschen wieder mit sich selbst beschäftigen und zugleich auf Gleichgesinnte treffen, aus denen sich neue Offline-Communities bilden. Ein Angebot, das aus dem Bedürfnis nach Nähe ein Geschäftsmodell macht.
Nach einer Stunde Lesezeit durchbricht ein Dong die Stille. Stefania aus dem Organisationsteam erklärt Part 2 des Events: Wer will, könne sich an einem Spiel beteiligen, um die anderen Personen am Tisch besser kennenzulernen und sich zu vernetzen. Sie verteilt postkartengroße Zettel mit Fragen. Anhand ihrer Lieblingsautoren und Helden sollen die vorher so scheuen und konzentrierten Teilnehmer:innen ins Gespräch kommen. Außerdem gibt es für jeden Stift und Papier, um sich Kontaktdaten von neuen Freund:innen zu notieren.
Ich gehe mit drei neuen Telefonnummern nach Hause, die ich vermutlich niemals tippen werde. Draußen vor dem Gebäude wandert meine Hand automatisch in meine Tasche, um mein Telefon zu greifen. Nur kurz checken, was man verpasst hat. Zwei Stunden offline können dem Automatismus also kaum etwas anhaben. Dennoch war das Event ein nettes Erlebnis. Es schafft ganz klar ein Bewusstsein dafür, wie sehr wir von unseren Telefonen abhängig sind und uns das ständige Wischen und Tippen am Display zur Gewohnheit gemacht haben. Ob es dafür jedes Mal zehn Euro braucht, bleibt fraglich.



Comments